Grußworte anlässlich der Gründungssitzung

der Österreichischen Wachkoma Gesellschaft

 

30. Mai 2001

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Sie haben sich mit der Gründung einer Gesellschaft für Wachkoma-Patienten zu einer Haltung der Achtung, des Respekts und der Wertschätzung von Menschen bekannt, die in unserer Fortschritts-Gesellschaft, in der vor allem derjenige zählt, der jung und dynamisch ist und Wesentliches zur Wertschöpfung beiträgt, leicht an den Rand gedrückt werden können. Menschen im Koma verunsichern uns und machen uns hilflos, sie führen uns vor Augen, wie verletzbar wir im Grunde selber sind und konfrontieren uns mit dem Gedanken an den eigenen Tod.

 

Es ist für uns, ausgestattet mit den Erkenntnissen und technischen Möglichkeiten der modernen Medizin, selbstverständlich, dass um Menschen mit schweren Hirnverletzungen, z.B. nach Autounfällen oder anderen schweren Erkrankungen, mit allen Mitteln gekämpft wird. Eine Reanimation ist erfolgreich, wenn Atmung und Kreislauf wieder funktionieren. Was aber passiert, wenn das Bewusstsein nicht wiederkehrt und die Menschen für Tage, Wochen, Monate, Jahre, ein Leben lang im Koma verbleiben? Wie wird dann mit ihnen umgegangen? Unsere Gesellschaft darf sich der Verantwortung für diese Menschen in keiner Weise entziehen. Auch nicht dann, wenn man meint, "endlich einen Pflegeplatz” gefunden zu haben.....

 

Wir wissen wenig oder gar nichts davon, welches Leben die Betroffenen eigentlich führen, was sie wahrnehmen und empfinden, und lernen erst langsam, wie wir ihnen über die professionelle Medizin und Pflege hinaus vielleicht dabei helfen können, ihr ganz spezielles Leben zu führen. Ich denke, dass Menschen im Koma oder Wachkoma für sie spürbare Anregungen brauchen, die für jeden anders und sehr individuell sind, und die zu entdecken – oder ”wieder zu entdecken” –, ein permanenter und intensiver Prozess sein muss. Dazu bedarf es intensiver und nachhaltiger Zuwendung seitens der Familien, der Freunde und Bekannten, und der professionellen Hilfe von medizinischem, pflegendem und therapeutischem Personal. Aber auch alle diese Menschen brauchen Hilfe und Unterstützung.

 

Für die Patienten und auch für die Angehörigen hat sich das Leben schlagartig und auf dramatische Weise verändert. Sie dabei nicht allein zu lassen, ist aus meiner Sicht unter anderem wohl die Aufgabe der Österreichischen Gesellschaft für Wachkoma. Hier Hoffung zu geben und Initiativen zu setzen, die den Wachkoma Patienten und ihren Angehörigen dabei helfen, mit der neuen und sich vielleicht nie wieder wirklich ändernden Situation umzugehen. Jeder betroffene Angehörige wartet und hofft auf ein Wieder-Erwachen; Berichte von Fällen von spätem Erwachen, unter Umständen nach vielen Jahren, gehen als ”Wunder” durch die Medien. Diese Einzelfälle sind es auch, die uns veranlassen, die Hoffnung nie aufzugeben.

 

Ich verstehe die Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Wachkoma als Initiative zur Wahrnehmung der Interessen der Wachkoma Patienten und ihrer Familien, sowohl von medizinischer Seite als auch aus gesellschaftlicher Sicht. Menschen im Koma oder Wachkoma brauchen sozusagen ein ”Lobbying”, Menschen, die sich für die bestmögliche Unterstützung und Hilfe, für eine aktive Förderung und Frührehabilitation einschließlich aktivierender Behandlungspflege unter Einbeziehung der Angehörigen und eine soziale Reintegration der Wachkoma Patienten einsetzen. Dazu gilt es, möglichst alle betroffenen Patienten rechtzeitig zu ”erkennen” – dazu bedarf es auch medizinisch-fachlicher KIarheit -, und die Möglichkeiten sicherzustellen, ihnen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen therapeutischen Angebote machen zu können, ihnen also z.B. die Chance auf rechtzeitige Frührehabilitation zu geben. Das heißt für mich aus gesundheitspolitischer Sicht, ein möglichst integriertes Versorgungssystem zu definieren.

 

Ich weiß, dass für alle diese Ziele bereits erste Maßnahmen gesetzt worden sind und auch noch gesetzt werden, und ich gehe davon aus, dass die Österreichische Wachkoma Gesellschaft hier tatkräftig und förderlich mitarbeitet. Ich wünsche den Initiatoren, den Mitgliedern, den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen von Herzen, dass Sie die Ziele, die Sie sich selbst gesetzt haben, erreichen, und werde Sie gerne und nach besten Kräften, soweit es in meinen Möglichkeiten liegt, unterstützen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Gesundheitsstadträtin Prim. Dr. Pittermann-Höcker