BASALE STIMULATION

Basale Stimulation in der Pflege ist ein Konzept zur Betreuung schwerst beeinträchtigter Menschen, das von dem Sonderpädagogen Prof. Dr. A. Fröhlich in Zusammenarbeit mit geistig-körperlich mehrfach behinderten Kindern entwickelt und gemeinsam mit C. Bienstein (Krankenschwester und Diplompädagogin) in den 80er Jahren in die Krankenpflege übertragen wurde. Sie entdeckten, dass apallische und komatöse Menschen ebenso das elementare Bedürfnis nach Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation verspüren, dabei in ihrem Erleben aber stark gestört sind und ohne gezielte Anregung noch weiter geschädigt werden können. Unansprechbarkeit, Bewusstlosigkeit etc. werden nicht als Hindernis für eine Interaktion von Pflegenden und Patienten gesehen. Ziel der Basalen Stimulation ist die Begleitung und Förderung in der Fähigkeit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation. Durch intensive, jedoch sorgfältige, entwicklungspsychologisch und biographisch ausgewählte sensorische Anregung kann die Körperwahrnehmung wieder aktiviert werden. Basale Stimulation in der Pflege versucht nun, schwerst beeinträchtigten Menschen bekannte, elementare Wahrnehmungserfahrungen zu ermöglichen, um sie in ihrem Erleben zu begleiten und ihre Fähigkeiten zu fördern.

Wodurch kann ein Wahrnehmungsverlust hervorgerufen werden?
  
Durch: 
  Traumen
               
Blutungen
   
             Vergiftungen
        
        Sauerstoffmangel
                cerebrale Durchblutungsstörungen
        
        Intoxikationen (Alkohol, Medikamente)
        
        Entzündungen und Tumore

Was ist das Ziel der Basalen Stimulation in der Pflege?

Das Ziel der Basalen Stimulation in der Pflege ist die Begleitung und Förderung in der Fähigkeit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation.

Bei welchen Menschen kann/soll basal stimulierende Pflege eingesetzt werden?

Basal stimulierende Pflege kann bei allen Menschen eingesetzt werden, die in ihrer Fähigkeit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation eingeschränkt oder gestört sind, u.a.:
   
             Bewußtlose
               
Beatmete
   
             Desorientierte
        
        Somnolente
               
Schädel-Hirn-Traumatisierte
        
        Sterbende
               
Patienten mit hypoxischem Hirnschaden
               
Morbus Alzheimer
               
Patienten mit hemiplegischem, apallischem oder komatösem Syndrom
               
stark in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte Patienten
               
Behinderte
               
Frühgeborene

Wann ist Pflege basal stimulierend?

Basal stimulierende Pflege entwickelt sich aus der Beziehung zwischen Patient und Pflegendem, sie ist hoch individualisiert und bietet dem Patienten gezielt aktivierende, fördernde Wahrnehmungsmöglichkeiten an. Der Patient
wird dabei als gleichwertigen Partner, als ganzheitlicher Mensch gesehen - mit einer individuellen Geschichte und einer stets vorhandenen Fähigkeit zum Erleben, als ein Mensch mit dem elementaren Bedürfnis nach Ausdruck und Kommunikation in seiner gegenwärtigen Lebenssituation und mit einer Identität, die sich sowohl geistig wie auch körperlich manifestiert.

Bei der Basalen Stimulation wird der Menschen auf seinem Weg begleitet. Ebenso werden keine Maßnahmen am Patienten durchgeführt, sondern vielmehr wird die Pflege gemeinsam mit dem Patienten entwickelt. Pflege wird hier als ein Angebot verstanden, über dessen Annahme der Patient entscheidet. Die Pflege wird als Basis zur Kommunikation gesehen. Es wird dabei eine Kommunikationsform gewählt, die der Patient wahrnehmen und  verarbeiten kann, zum Beispiel eine basal stimulierende Ganzkörperwaschung oder eine bestimmte Geschmacksrichtung. Man begibt sich hier auf die Erlebnisebene des Patienten und vermittelt ihm dabei eine Kommunikation, die sich bei schwer wahrnehmungsgestörten Patienten auf elementare Inhalte bezieht: sich selbst erleben, die Grenzen des Körpers erspüren, eine Welt außerhalb des Körpers wahrnehmen, die Gegenwart eines anderen, interessierten Menschen fühlen.


Welche Voraussetzungen sind nötig?

            Fachkompetenz (z.B. durch Besuch eines Seminars, Weiterbildung, Literatur, Einweisung,...)
   
         Geschulte Wahrnehmung
   
         Kooperation mit allen an der Therapie Beteiligten
   
         Wissen um persönliche Fähigkeiten und Grenzen
   
         Aufbau und Erhalt einer individuellen Beziehung zum Patienten
   
         Bereitschaft zur professionellen Interaktion
           
Berücksichtigung der Biographie und Wahrnehmungssituation des Patienten


Grundelemente der Basalen Stimulation
Die Basale Stimulation in der Pflege nimmt Beziehung zum Patienten über somatische, vestibuläre und vibratorische Anregung auf, hinzu können dann orale, auditive, taktil/haptische, olfaktorische und visuelle Angebote kommen, die dem Patienten helfen, ein elementares Körperselbstbild, eine elementare Raum-Zeit -Orientierung aufzubauen und Beziehung zu seiner Umwelt aufzunehmen.

1. Somatische Stimulation Sie beinhaltet die Wahrnehmung des Körpers und der Körpergrenzen über die Haut und der dazugehörigen Rezeptoren. Der Patient soll auf Reize am Körper reagieren, er soll Reize am eigenen Körper lokalisieren und er soll sich ein Wissen über den eigenen Körper und dessen Erfahrungspotential schaffen.

    Beispiele
beim Baden: Schaum, Bürsten, Wasserstrahl, Waschlappen, Seife, usw. 
nach dem Baden: abtrocknen, bürsten, kämmen, massieren, eincremen, Stimulation mit Rassierschaum, usw.
reale Erfahrungen aus dem Alltag: streicheln, mit nackten Fußsohlen auf Wiese stehen, usw.
Abbürsten mit verschiedenen Materialien: Bürste, Fell, usw.
Berieseln mit Naturmaterialien: Reis, Sand, Bohnen, usw.
Trockenbaden in verschiedenen Materialien: Bälle, Styropor, usw.
Abfönen: warm, kalt
Waschung: zB belebende oder beruhigende oder basalstimulierende Ganzkörperwaschung
Einreibung: ASE - atemstimulierende Einreibung
Körperberührung: -> Initialberührung -> Körperwahrnehmung      


 

2. Vestibuläre Stimulation Durch unterschiedliche Lagerungs- und Bewegungsmöglichkeiten wird an die Erfahrung des Gleichgewichtsorganes angeknüpft. Der Patient soll Beschleunigungen in verschiedenen Richtungen wahrnehmen (Auf- und Abwärtsbewegung, Drehkraft); der Patient soll seinen Körper nicht nur als Auflagefläche empfinden, er soll einen entsprechenden Muskeltonus aufbauen und soll den Kopf im Raum orientieren können.

    Beispiele
umhertragen, drehen, herumschwingen
radfahren
Schaukelstuhl, Hollywoodschaukel
Hängematte, Hängekorb
Oberkörper schaukeln
Kopfwendebewegungen


3. Vibratorische Stimulation Sinn ist es, dem Patienten Informationen über seinen eigenen Körper zu vermitteln, die Körpertiefe erfahren und Aufmerksamkeit zu erlangen. Vibrationen erzeugen ein Gefühl für die Tiefe und erregen Aufmerksamkeit - sie können anregend oder beruhigend wirken. Über die langen Röhrenknochen wird die Vibration weitergeleitet.

    Beispiele
Elektrischer Rasierer
Elektrische Zahnbürste
elektrisch verstärkte Vibration: zB Lautsprecher
Einsatz von Musikinstrumenten: Gitarre, Gong, Klangstäbe, usw.


4. Orale Stimulation Mittels oraler Stimulation soll die Wahrnehmung des Mundes gefördert werden. Der Mundbereich soll aktiviert und für verschiedene Bereiche sensibel gemacht werden. Durch die orale Stimulation kann die Mundmotorik beeinflusst werden, die wiederum für das Sprechen wichtig ist.

    Beispiele
Berühren und Streicheln des äußeren Mundbereiches mit kühlen Objekten
Zähne bürsten
Knabberspielzeug
Fingermundspiele


5. Olfaktorische Stimulation Mittels olfaktorischer Geruch- und Geschmackstoffe sollen Erinnerung angeregt werden. Der Patient soll lernen, Gerüche und Geschmackseindrücke richtig zuzuordnen. Es soll erkannt werden, dass Nase und Mund Eindrücke vermitteln können, die das Wohlbefinden steigern.

 Beispiele
Riechfläschchen (zB Parfum)
Pipette mit verschiedenen Geschmacksstoffen
Geschmackliche Intensivierung von Speisen


6. Taktile/haptische Stimulation Hier sollen die Erinnerung an die Fähigkeit der Hände wachgerufen werden und die persönliche Umwelt durch Ertasten oder Begreifen erfahrbar gemacht werden. Die sensiblen Bereich der Hand und des Mundes sollen dem Patienten deutlich gemacht werden. Der Patient soll die Möglichkeit haben, Dinge festzuhalten - er soll erkennen, dass sich Dinge charakteristisch anfühlen. Der wahrnehmungsgestörte Patient soll an Dinge herangeführt werden - es gilt zu vermeiden, dass Dinge an den Patienten herangeführt werden.

Beispiele
Aufbau des Festhaltens: Gegenstände mit unterschiedlichster Oberfläche
Halten einer Zanhbürste & putzen der Zähen
Tast- und Greifaktivitäten: Händewaschen, in die Hände klatschen, Hände in den Mund, mit Händen im Sand wühlen
Desensibilisierung und Sensibilisierung der Handinnenflächen: unterschiedlichste Materialien, unterschiedlichste Temperaturen, Dinge des täglichen Gebrauchs, usw.
Fallen lassen: Dinge festhalten und wieder bewusst fallenlassen


7. Visuelle Stimulation Die Wahrnehmung der Umwelt durch ein bewusstes Sehen steht im Vordergrund. Der Patient soll einfache Reize fixieren, seine Augenstellung willkürlich aktivieren. Augenmitbewegungen und Kopforientierung sollen angebahnt werden. Zu beachten: Augen und Ohren sind eng miteinander verbunden - es kann zu großen Ängsten kommen durch nicht sehen des Gehörten.

Beispiele
Bilder (zuerst schwarz/weiß und später farbig)
Fotos, Dias - Gegenstände, die nicht genau erkannt werden, sollen benannt werden
Sehposition einnehmen - richtige Höhe im Blickwinkel des Patienten


8. Auditiv/rhythmische Stimulation Der Patient soll erkennen, dass Töne, Geräusche und Laute aus verschiedenen Richtungen kommen, dass sie verschiedene Qualitäten haben, dass sie Informationscharakter besitzen. Der Patient soll auch selbst Geräusche produzieren. Über Stimmen, Geräusche und Musik soll dem Patienten die Umwelt wieder vertraut und bewusst gemacht werden. Zu beachten: Geräusche werden im Liegen lauter wahrgenommen.

Beispiele
Sprache als akustische Anregung
Kontraste: leise & laut, schnell & langsam, tief & hoch
Reale Erfahrungen - Geräusche aus der häuslichen Umgebung:  z.B. Töpfeklappern, Telefon läuten, Kaffeemaschine
Seitenhören: Musikboxen links/rechts
Einsatz von Musikinstrumenten und Eigenaktivität: Saiteninstrumente, Klangstäbe, usw.



Biographische Informationssammlung für Basale Stimulation
Um die Basale Stimulation bestmöglichst durchführen zu können, sollte man sehr gut über den Patienten Bescheid wissen, über seine Vorlieben und über Dinge, die vom Patienten eher abgelehnt werden. Beiliegend finden Sie eine Liste mit zu klärenden Fragen zu den einzelnen Bereichen. Einzelne Bereich können sich im Laufe der Zeit ändern und sollten laufend aktualisiert werden. Beiliegende Informationssammlung soll Ihnen nur eine grobe Orientierung geben und kann jederzeit mit weiterführenden Fragen & Informationen ausgebaut werden.

    Biographische Informationssammlung für Basale Stimulation

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